Unvollkommene Perfektion Kapitel 1

Nathan

Ich hatte ihn auf Craigslist aufgestöbert. Dort sollte man vermutlich nicht unbedingt Leute kennenlernen. Klar, die Kontaktanzeigen waren ganz witzig anzusehen, vor allem, wenn man betrunken war. Es gab auch eine Kategorie, in der man versuchen konnte, mit einem Fremden, den man auf der Straße zufällig gesehen hatte, in Kontakt zu treten, was ziemlich ulkig war. Aber niemand hat über Craigslist wirklich jemand kennengelernt. Nun, niemand außer mir.

Er war recht faszinierend.

Manchmal konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich ihn nun leiden konnte oder nicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich von ihm besessen sein könnte. Unsere Beziehung erschien einem Außenstehenden vielleicht sogar ungesund oder merkwürdig. Aber so fühlte es sich ganz und gar nicht an.

Es fühlte sich ganz selbstverständlich an. Als ob ich ihn schon ewig kennen würde.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass gute Mitbewohner so sein sollten. In dem Artikel oder vielleicht war es auch ein Buch … oder ein Online-Magazin – aber darauf kam es nicht an – stand, dass ein guter Mitbewohner wie ein Liebhaber ist.

Man weiß oft schon beim bloßen Anblick, dass die Chemie stimmt. Es mag zwar eine Weile dauern, bis man den Richtigen findet, aber am Ende fühlt es sich einfach richtig an. Oder er erweist sich als total durchgeknallt, und obwohl man das von Anfang an geahnt hat, hat man nicht auf die kleine Stimme in seinem Kopf gehört.

Bei dem Vergleich mit dem Liebhaber war ich mir nicht so sicher, aber in einem Punkt hatte der Artikel recht. Ich wusste vom ersten Moment an, dass er der ideale Mitbewohner war. Der Vergleich mit dem Liebhaber verwirrte mich immer noch, selbst nachdem wir schon fast sechs Monate zusammengewohnt hatten. Ich war überzeugt davon, dass ich eines Tages, sobald er bei mir eingezogen war, den Sinn des Ganzen begreifen würde. Aber vielleicht musste ich erst einen Liebhaber haben, um zu verstehen, was der Autor gemeint hatte.

Natürlich hatte ich nicht vor, zum ersten Mal Sex zu haben, nur um die Aussage eines Artikels zu verstehen.

Es musste ein Artikel gewesen sein … vielleicht war es ein Blog. Oh, das ergäbe mehr Sinn. Aber welcher Blog? Das würde mich so lange nerven, bis ich mich erinnern konnte. Wie auch immer, ich hatte nicht vor, irgendetwas Unüberlegtes zu tun, nur um das herauszufinden. Aber mit meinen dreiundzwanzig Jahren dachte ich, dass es wohl an der Zeit war, mich mal mit dem Thema Jungfräulichkeit zu beschäftigen.

Ich war irgendwie neugierig darauf, Erfahrungen mit Sex zu sammeln.

Meine Freunde waren der Meinung, dass ich schon längst neugierig auf Sex hätte sein müssen. Ich war da anderer Meinung. Die Highschool war schon kompliziert genug gewesen, ohne dass Sex eine Rolle gespielt hätte. Auf dem College war es auch nicht viel besser gewesen. Alle wollten Bezeichnungen und Erklärungen dafür, wer man war. Schwul-Hetero-Bi und endlose andere Varianten, die ich wirklich nicht verstand. Wenn man eher in die Kategorie „verwirrt“ fiel, waren die Leute nicht so nachsichtig.

Abgesehen von den Aufreißern – egal welchen Geschlechts – wollte niemand mit einem ausgehen, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher war, was man wollte. Und ich dachte nicht, dass ich ein Aufreißer war. Aber vielleicht war ich das ja? Doch ich war nicht bereit, mich näher damit zu befassen, um das herauszufinden. Es klang einfach nicht nach Vergnügen. Sex mit jemand Fremden zu haben, von dem man nicht weiß, ob er gut im Bett ist oder nicht, und bei dem man keine Ahnung hat, ob er bereit ist, auf Fragen einzugehen oder nicht, war nicht gerade mein Ding.

„Ich sollte sagen, dass ich bi bin.“

„Was?“ Gabriel blickte vom Küchentisch auf, mit einem verdutzten Ausdruck im Gesicht. „Hast du etwas gesagt, Nate?“

Hoffentlich hat er mich jetzt nicht gehört. „Nichts. Ich habe nur mit dem Fernseher geredet.“

Er sah ein bisschen verdattert aus, aber hoffentlich war er durch die vielen Arbeiten, die er vor sich liegen hatte, ausreichend abgelenkt. Gabriel war Geschichtslehrer an einer alternativen Highschool und es schien immer endlose Berge von Klassenarbeiten zu geben, die korrigiert werden mussten.

Zum Glück war der Fernseher an, sodass es nicht so aussah, als wäre ich verrückt. Ich war mir nicht ganz sicher, wann die Natursendung über die Löwen anfangen würde, aber Gabriel konnte sie von dort, wo er saß, ohnehin nicht sehen. Außerdem war er zu höflich, irgendetwas dazu zu sagen, wenn ich etwas Seltsames behauptet hätte. Sich mit Löwen zu unterhalten, schien aber selbst für mich ein bisschen dick aufgetragen.

Gabriel war der ideale Mitbewohner. Er räumte hinter sich auf und erledigte seinen Teil der Hausarbeit. Außerdem kochte er regelmäßig und es gab immer genug zu essen für alle. Er brachte nicht so oft Leute mit und hatte nie Gäste über Nacht. Wenn ich mich mal ablenken ließ, war er geduldig und verlor nie die Beherrschung. Der ideale Mitbewohner.

Mein Freund Matt dachte, dass ich wahrscheinlich asexuell wäre.

Ich hatte nicht viele Freunde, aber jeder von ihnen hatte eine Meinung. Matt dachte, ich wäre asexuell. Er und Allie hatten mich beide am Beginn unserer Freundschaft angemacht aber abgesehen davon, dass ich beide sympathisch und sehr attraktiv fand, hatte ich mit keinem von ihnen etwas anfangen wollen. Allie hatte angenommen, ich wäre nur wählerisch gewesen und würde schon die richtige Person finden, wenn ich dazu bereit wäre. Oder sie war einfach nur nett und wollte meine Gefühle nicht verletzen. Ich hatte also keine Ahnung, was sie wirklich gedacht hatte.

Andere Freunde waren nicht so sehr darum besorgt, meine Gefühle nicht zu verletzen.

Wir hatten uns alle auf dem College kennengelernt und es hatte einfach Klick gemacht. Es gelang uns, auch nach dem Abschluss in Kontakt zu bleiben. Die Gruppe traf sich etwa einmal in der Woche auf einen Drink oder so was. Irgendwann fingen dann alle an, nach Beziehungen und solchen Dingen zu fragen. Aber dazu hatte ich nie etwas beizutragen.

Ab und zu ging ich mal mit jemandem aus. Manchmal fragte mich ein Mädel oder ein Typ, aber es fühlte sich immer an wie ein Arbeitstreffen oder wie zwei Freunde, die zusammen abhängen. Nie ist irgendetwas daraus geworden. Ich war mir nicht sicher, wonach ich suchte, aber ich hatte das Gefühl, dass ich es noch nicht gefunden hatte. Nicht, dass es nicht notwendig gewesen wäre, überhaupt zu suchen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich an der Uni so viel zu tun, dass Verabredungen und so etwas wie Sexualität völlig auf der Strecke geblieben waren, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Sie war mit ein Grund dafür, dass ich alles andere beiseitegeschoben hatte. Als ich neu in der Highschool war, wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert.

Langer Rede kurzer Sinn: Zwei Jahre später war sie wieder gesund. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich voll und ganz auf meine Familie und die Schule konzentriert. Als sie wieder gesund war, widmete ich mich wieder dem Unterricht und die Zeit verging wie im Flug. Mir war schon früh klar, dass ich forensischer Rechnungsprüfer werden wollte. Manche Leute dachten, das sei langweilig, aber ich liebte es. Es war eine Herausforderung, von der ich wusste, dass sie am Ende immer nützlich sein würde.

Aber um das zu tun, was ich wollte, ohne jahrelang zu studieren, musste ich noch härter arbeiten als die meisten anderen. Ich hatte meinen Bachelor und Master in Buchhaltung in vier Jahren abgeschlossen. Das war gar nicht so schwer gewesen. Schon in der Highschool hatte ich einige Kurse auf Collegeniveau belegt und im Sommer nach dem Abschluss mit weiteren Kursen begonnen. Als ich im Herbst mit dem Studium begann, war ich schon mehr als ein Jahr fortgeschritten.

Es gab immer irgendetwas zu lernen, sodass soziale Verpflichtungen in den Hintergrund traten. Die paar Male, die ich versucht hatte, kontaktfreudiger zu werden (das war mein Neujahrsvorsatz, als ich im ersten Semester war), waren nicht gut gelaufen. Ich neigte dazu, soziale Hinweise zu verwechseln. Ich kapierte nicht immer, ob jemand mit mir ausgehen oder mit mir befreundet sein wollte.

Das führte zu einigen unbeholfenen Lernprozessen, und die Leute aus dem LGBT-Club waren genervt, weil ich nicht wusste, was ich war. Sie hatten das Q erst hinzugefügt, als ich schon fast meinen Abschluss gemacht hatte. Die ganze Sache mit dem Questioning – Infragestellend – wäre schon früher hilfreich gewesen. Also kümmerte ich mich um die Uni und blieb lieber für mich. Ich fand ein paar Freunde, wie Allie und Matt, aber meistens waren die Leute zu genervt von mir, um bei mir zu bleiben.

Nicht so Gabriel.

Nein, Gabriel war nie genervt von mir, wenn ich mich ablenken ließ oder etwas übersehen hatte. Er stellte einfach einen Alarm auf meinem Handy für das nächste Mal ein, damit ich es nicht vergessen würde. So wie das erste Mal, als ich vergaß, dass er Abendessen machte und auf dem Heimweg einen Hamburger verdrückte. Er schüttelte den Kopf und das nächste Mal, als er ein besonderes Abendessen kochen wollte, ging eine Viertelstunde bevor ich das Büro verließ ein Alarm auf meinem Handy los, um mich daran zu erinnern.

Und als er erkannte, dass ich irgendein soziales Signal nicht verstand, das ich wahrscheinlich hätte verstehen sollen, nahm er sich die Zeit und erklärte es mir. Er hat mir auch keine Fragen gestellt, die ich nicht beantworten konnte. Er stellte nie Fragen über meine Sexualität und nervte mich auch nicht, wenn ich mal wieder keine Verabredung hatte. Aber er war nicht so nett, dass er wie ein Weichei gewirkt wäre.

Er konnte ziemlich streng sein und warf mir einen finsteren Blick zu, wenn er dachte, dass ich mich vor etwas drücken wollte. Zum Beispiel vor dem Abwasch. Seine Stimme wurde tief und er musterte mich mit diesem entschlossenen Blick, der mehr ausdrückte, als wenn er mich angeschrien hätte oder so. Das hielt mich mehr auf Kurs.

Ich war kein Freund von so etwas wie Putzen. Es gab immer irgendwas Interessanteres zu tun. Zum Beispiel arbeiten oder ein Buch lesen oder sogar mal was im Fernsehen schauen. Aber als Gabriel eingezogen war, war eine seiner einzigen Regeln, dass man seinen eigenen Dreck wegräumen musste, und wir hatten vereinbart, dass ich den Abwasch erledigte, wenn er kochte. Das war fair, aber ich neigte dazu, das zu vergessen.

Gabriel nannte das selektives Gedächtnis und schüttelte nur den Kopf über mich. Er hatte ja Recht, aber das wollte ich nicht zugeben. Nachdem ich mich ein paar Mal dumm gestellt hatte, als er das Geschirr vom Vorabend in der Spüle fand, fing er an, mich schief anzusehen, und wurde strenger mit mir.

Da stellte ich fest, dass es mir nicht gefiel, ihn zu verärgern.

Wenn ich ihm eine Freude machte, verspürte ich einen kleinen Kick. So wie wenn ich endlich ein Projekt bei der Arbeit fertiggestellt hatte und ich wusste, dass ich es richtig gemacht hatte. Wenn er … sauer ist nicht das richtige Wort … enttäuscht von mir war, bekam ich Magenschmerzen und konnte nicht mehr schlafen. Also versuchte ich, das so wenig wie möglich zu tun.

„Nate?“

Gabriel war jetzt in der Küche und lehnte sich an den Türrahmen, um einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Wann war er bloß aufgestanden? Ein Geräusch aus dem Fernseher lenkte mich für einen Augenblick ab. Wo waren die Löwen hin? Waren es nicht erst vor ein paar Minuten noch Löwen gewesen? Wann hatte die Sendung mit den Fischen begonnen?

„Nathan“, rief Gabriel mit sanfter, tiefer Stimme.

Gabriel, richtig. Ich versuchte, die laufende Sendung auszublenden, und blickte zu ihm hinüber. „Ja?“

„Du starrst jetzt schon seit fast zehn Minuten die Wand an. Ich denke, du solltest dich aufs Ohr legen. Du warst letzte Nacht lange auf und hast an dem Nachlassprojekt gearbeitet. Du bist müder, als du denkst.“ Gabriel sagte das in seinem üblichen ausgeglichenen Tonfall, aber er warf mir einen strengen Blick zu, als ob er sich das nicht gefallen lassen würde.

„Du hast wahrscheinlich recht.“ Das hatte er meistens. Ich war letzte Nacht lange aufgeblieben, um einen Nachlass zu regeln, von dem die Erben glaubten, dass Geld fehlte. Eine beträchtliche Menge Geld. Sie hatten recht, aber es war keine Veruntreuung oder so etwas gewesen. Dad hatte ein Glücksspielproblem und eine Geliebte. Niemandem war klar gewesen, wie viel Geld er für diese beiden Dinge ausgegeben hatte.

Ich brauchte eine Minute, um von der Couch aufzustehen. Ich war doch wesentlich müder, als ich gedacht hatte. Der Gedanke aufzustehen, erschien mir zu anstrengend. Gerade wollte ich nach der Decke auf der Rückseite der Couch greifen, als Gabriel kopfschüttelnd aus der Küche kam.

„Du schläfst nicht wieder auf der Couch.“

Ich konnte nicht sagen, was er dabei empfand. Sein Gesichtsausdruck war eigenartig. Er war nicht enttäuscht oder sauer. Diese Ausdrücke kannte ich. Stimmte etwas nicht mit ihm? Dachte er, dass mit mir etwas nicht stimmte? Ich war einfach nur müde. Jetzt, wo er mich darauf hingewiesen hatte, wurde mir klar, warum mein Gehirn so sehr abgeschweift war.

In den letzten Tagen hatte ich wahnsinnig viel gearbeitet, denn bei einem Nachlassverfahren gab es strenge Fristen, die eingehalten werden mussten. Vor allem, wenn es Vorwürfe wegen Unregelmäßigkeiten gab. Gabriel war normalerweise äußerst empfindlich, wenn ich ohne triftigen Grund zu lange arbeitete, aber dieses Mal hatte sogar er verstanden, warum ich mich so reinhängen musste.

Das hieß aber nicht, dass er damit einverstanden war. Nö. Gabriel reagierte auf viele solcher Dinge ziemlich gereizt. Aber ich fand es schön, dass er sich so viele Gedanken um mich machte. Allie war einmal in ein Gespräch hineingeplatzt, in dem Gabriel mich mit ruhiger Stimme daran erinnerte, wie wichtig Schlaf wäre, und mich darauf hinwies, dass ich nicht genug geschlafen hatte und deshalb nicht zu lange ausgehen sollte.

Ich hielt das für vernünftig. Ich lasse mich leicht ablenken, wenn es nicht um die Arbeit geht. Allie fand das allerdings überhaupt nicht cool. Sie war vielmehr ziemlich irritiert. Sie sagte, dieses Verhalten sei einfach zu aufdringlich und dass er keine Grenzen kenne. Sie hätte wohl noch weitergemacht, aber ich hatte daraufhin abgeschaltet und in Zukunft eher darauf geachtet, dass die beiden nicht mehr aufeinandertrafen.

Hatte ich nicht irgendwo gelesen, dass es ein Zeichen für Missbrauch in einer Beziehung ist, wenn man anfängt, seine Freunde fernzuhalten? So hatte es sich aber nicht angefühlt. Gabriel war nicht fies zu mir. Er zeigte mir nur auf eine andere Art und Weise, wie wichtig ich ihm war. Und das gefiel mir.

Also habe ich Allie und alle anderen von uns zu Hause ferngehalten und dafür gesorgt, dass wir woanders abhingen. Wir sind weiterhin zusammen ausgegangen und Gabriel hat mir nie zu verstehen gegeben, dass er der Meinung war, dass ich nicht ausgehen sollte. Er achtete nur darauf, wann ich nach Hause kam, und erinnerte mich daran, nicht zu lange wegzubleiben und so weiter.

Worüber hatten wir eigentlich gerade gesprochen?

Gabriel muss die Verunsicherung auf meinem Gesicht gesehen haben. Er lächelte schief und schüttelte den Kopf. Dann beugte er sich hinunter, ergriff meine Hände und zog mich von der Couch. Oh, schlafen. Stimmt.

„Du wolltest mich ins Bett schicken. Jetzt erinnere ich mich.“

Er hüstelte ein wenig und schüttelte wieder den Kopf. „Komm schon. Zeit fürs Bett.“ Während er mich durch den Flur zur Treppe führte, hielt er eine meiner Hände fest.

„Ich bin doch kein Kind.“

„Das letzte Mal, als ich dich so müde ins Bett geschickt habe, habe ich dich auf dem Badezimmerboden wiedergefunden. Du hattest dich nur kurz hingesetzt und vergessen, wieder aufzustehen. So was kommt nicht wieder vor. Damals hast du mich zu Tode erschreckt. Ich dachte schon, du wärst tot oder so.“ Wieder warf er mir diesen unnachgiebigen Blick zu.

„Oh. Das hatte ich ja völlig vergessen.“ Ich konnte einfach überall einschlafen, wenn ich müde war. Der Badezimmerboden war gar nicht so schlimm gewesen. Wir hatten beheizte Fliesen, also waren sie warm. „Vielleicht hast du recht.“

„Ganz bestimmt.“ Er schenkte mir ein weiteres schelmisches Grinsen. „Also, ab ins Bett.“

Wir stiegen die Treppe hinauf und blieben vor der Badezimmertür stehen. „Du hast fünf Minuten Zeit, dann schaue ich nach dir.“

Ich ging rein, ohne zu widersprechen. Allie hätte zwar gesagt, dass es um Grenzen ging, aber er war wegen der Sache mit dem Schlafen im Bad wirklich ausgeflippt. Damit wollte er mir nur zeigen, dass er sich Sorgen machte. Irgendwie war das süß. Mir war klar, dass die meisten Leute das nicht so sehen würden, aber ich hatte nicht vor, irgendjemandem davon zu erzählen.

Dass Gabriel vor der Tür stand, half mir, bei der Sache zu bleiben, und ich war in wenigen Minuten fertig. Nicht wie sonst in zehn bis fünfzehn. Er grinste mich an, als ich aus dem Bad kam, aber ich war mir nicht sicher, was ich getan hatte, um ihn so glücklich zu machen.

Sobald ich nicht mehr so müde war, würde ich es schon noch herausfinden.

„Komm schon, Nate. Du bist ja total ausgepowert.“ Gabriel ergriff wieder meine Hand und führte mich in mein Schlafzimmer. „Wenn ich dich jetzt allein lasse, damit du dich fertig machen kannst, werde ich dich dann morgen früh am Schreibtisch oder auf dem Boden schlafend vorfinden?“

„Natürlich nicht.“ Aber das war nicht besonders glaubwürdig und das wussten wir beide. Ein anderes Mal, als ich eine wahnsinnig knappe Deadline hatte, hatte er mich am nächsten Morgen schlafend auf dem Boden neben dem Bett gefunden. Am nächsten Tag hatte ich dann die Grippe bekommen. Vielleicht hatte er also recht. „Ich werde es versuchen.“

Das war ein glaubwürdigeres Versprechen.

Offensichtlich reichte es ihm aber nicht. Gabriel schüttelte den Kopf, als hielte er mich für vollkommen bescheuert und deutete auf das Bett. „Wo ist dein Pyjama?“

Ich schlief nicht gerne nackt, also trug ich eine Schlafanzughose aus Baumwolle. Es war nicht so, dass ich grundsätzlich nicht gerne nackt schlief, aber ich fand, dass man das nicht tun sollte, wenn man einen Mitbewohner hatte. Gabriel war der erste Mitbewohner, mit dem ich länger zusammenwohnte. Ich war immer noch dabei, einige der sozialen Regeln kennenzulernen, aber ich schätze, das war eine davon. Oder? Ich habe wohl zu lange gebraucht, um zu antworten, denn Gabriel ging einfach zur Kommode und begann, die Schubladen zu öffnen.

„Er ist …“

„Schon gefunden.“

Er fand die Hose, bevor ich irgendetwas sagen konnte. Ich hörte, wie Allie in meinem Hinterkopf von Grenzen sprach, aber ich blendete sie einfach aus. In meinem Kopf war sie herrisch und rechthaberisch, aber im wirklichen Leben war sie nicht so schlimm. Ehrlich.

Gabriel schien nicht daran zu denken zu gehen und mich alleine umziehen zu lassen. Wahrscheinlich wieder die Sache mit dem Bad. Und ich war zu müde, um mich darum zu kümmern. Also fing ich an, mich auszuziehen und mich bettfertig zu machen. Das war inzwischen alles Routine, sodass ich gar nicht mehr darüber nachdenken musste. Innerhalb weniger Minuten hatte ich meine Pyjamahose an und kroch ins Bett.

Als Gabriel mir dabei zusah, wie ich unter die Decke schlüpfte, wollte ich ihn fast bitten, mich zuzudecken. Das schien mir richtig, aber ich konnte mich gerade noch beherrschen. Ich hatte ja schließlich gesunden Menschenverstand. Wahrscheinlich war das ein Überbleibsel aus der Kindheit. Wie wenn die Eltern dich ins Bett bringen. Er hätte sowieso nicht Nein gesagt. Er war so verständnisvoll.

Aber ich wollte mein Glück nicht überstrapazieren. Irgendwann würde er es doch satthaben, sich um mich zu kümmern. Oder?

Gabriel sah mir zu, wie ich mich hinlegte, dann ging er zur Tür und machte das Licht aus. „Gute Nacht, Nathan.“

Da fiel mir etwas ein. „Oh, mein Wecker.“

Er gluckste. „Nathan, morgen ist Samstag.“

„Stimmt.“ Wann hatte ich vergessen, dass heute Freitag war?

„Schlaf jetzt.“ Er klang wie ein gefrusteter Vater, der einem übermüdeten Kind sagt, dass es endlich schlafen gehen soll. Das brachte mich ein wenig zum Schmunzeln.

„Na gut. Nacht.“ Er hatte ja recht. Ich brauchte den Schlaf.

Zu viele ungeordnete Gedanken und Sorgen. Morgen würde mein Kopf klarer sein und ich würde mir keine Gedanken über belangloses Zeug machen. Wie Bezeichnungen und schräge Beziehungen, in denen es keine Grenzen gibt. Ich brauchte kein Label, und ich brauchte auch keine normale Beziehung zu Gabriel.

Want to read the rest?

Nathan wusste nicht, warum alle so besessen von Beziehungen und Romantik waren. Sicher, es fühlte sich wahrscheinlich gut an, aber er verstand einfach nicht, was es mit dem ganzen Getue auf sich hatte. Es hätte vielleicht geholfen, wenn er gewusst hätte, wonach er eigentlich gesucht hatte, aber bei so vielen verschiedenen Begriffen und Möglichkeiten war er einfach ratlos. Für alle anderen schien es so einfach zu sein zu finden, was sie brauchten, aber für ihn fühlte es sich immer so an, als ob etwas in seinem Leben fehlte.

Gabriel fand, dass Nathan absolut perfekt war. Er war süß, lustig, attraktiv und völlig unschlüssig, was er eigentlich wollte – aber absolut perfekt. Er wollte Nathan helfen, aber würde sein heißer Mitbewohner offen für etwas sein, das gänzlich aus dem Rahmen fiel, oder würde er ihre Beziehung zunichtemachen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte?

Ein Haus und zwei Männer, die einfach Mitbewohner sind. Oder?

Da braucht es nur einen Zufall auf einer Couch, um beide näher an die Erfüllung ihrer Wünsche und Träume zu bringen …

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